"Soft Revolution"

Valerie Huber ruft zur Revolution auf

Frau mit blondem Haar steht in einer Tür und trägt gemusterten Blazer und weiße Bluse.
© Christoph Liebentritt
SOFT REVOLUTION ist das zweite Buch von Valerie Huber.
OE24 auf Google bevorzugen

Nach dem beachtlichen Erfolg ihres Buchdebüts, FOMO sapiens, legt die Autorin, Schauspielerin und Aktivistin Valerie Huber mit einem neuen Buch nach.

Sanfte Revolution starten

Soft Revolution heißt es, und der Ausgangspunkt ist der Wandel, in dem wir uns, wie Huber im Vorwort schreibt, schon befinden. Den müssen wir aber, um gut zu leben, in die richtigen Bahnen lenken, denn wie Huber im oe24-Interview sagt: "Jetzt geht es nicht um viel, es geht um alles." Gemeint ist damit freilich keine Maximierung von Vermögen, sondern der sinnvolle Umgang mit unserem Lebensraum, Ressourcen, aber auch miteinander als Menschen. Und das können wir nur erreichen, wenn wir eine sanfte Revolution starten, eine, die von Solidarität geprägt ist.

Buchcover „SOFT Revolution“ von Valerie Huber mit softem, wolkigem Hintergrund.
Valerie Huber © neva

Island als Vorbil

Als Vorbild für diese Revolution dient Huber der Frauenstreik in Island, bei dem am 24. Oktober 1975 rund 90 Prozent der Frauen die (Care-)Arbeit niederlegten und so friedvoll auf Schieflagen aufmerksam machten. Soft sollen die Mittel der Wahl sein, um ein Umdenken zu erzeugen, nicht kriegerisch und brutal, so die bekennende Pazifistin zu oe24.

Valerie Huber spricht unbequeme Fakten an

Dieses Buch ist nicht weich und wohlig, denn Huber traut sich, im Text die harten Fakten und Zahlen zu benennen. Sie findet deutliche Worte zu sozialer Ungerechtigkeit, Klimakatastrophe, Kriegen und Tech-Oligarchen wie Elon Musk. Auch wenn wir unangenehme Wahrheiten zu gerne verdrängen, sind sie nötig, um zu zeigen, was auf dem Spiel steht.

Valerie Huber sitzt auf einem roten Sofa und hält ein Buch mit dem Titel "Soft Revolution".
Valerie Huber © Christoph Liebentritt

"Jeder kann etwas beitragen"

Huber schreibt umsichtig wie fundiert und ist selbst das beste Beispiel dafür, wie ein Leben in Balance funktioniert. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für Hilfsorganisationen, ist seit 2023 Ehrenbeauftragte der UNICEF Österreich: "Jeder kann etwas beitragen", so Huber.

"Jetzt geht es nicht um viel, es geht um alles!"

Valerie Huber im oe24-Buchtalk über ihr neues Buch, den Aktivismus, den sie lebt und Wege aus der Krise.

oe24: Liebe Valerie, dein zweites Buch "Soft Revolution" ist erschienen – was hat sich verändert, seitdem du Autorin bist?

VALERIE HUBER: Eigentlich vieles! Nach meinem ersten Buch "FOMO sapiens" wurde ich das erste Mal für Keynotes angefragt, bekam eine Einladung nach Harvard und durfte im österreichischen Parlament sprechen. Es war schön zu sehen, wie viele Menschen sich mit den Fragen des Buches identifizieren konnten und wie ich plötzlich als Autorin wahrgenommen wurde – das Buch hat also schon mein Leben verändert.

“Die Zeit von Krieg und mächtigen Tech-Oligarchen muss enden”

Valerie Huber

oe24: Das erste Buch hat den Ist-Zustand der Welt aufgezeigt, das zweite ist nun ein Aufruf zu: "Gehen wir es an!", oder?

HUBER: Ja, genau, in "FOMO sapiens" habe ich versucht zu beleuchten, was aktuell alles schiefläuft und wo wir Veränderung brauchen. Mit "Soft Revolution" möchte ich Hoffnung machen und alternative Zukunftsvisionen aufzeigen, die bereits heute existieren und eine echte Chance auf eine gute Zukunft bieten. Wir müssen die Spaltung unserer Gesellschaft überwinden und wieder moralischer handeln. Die Zeit von Krieg und mächtigen Tech-Oligarchen muss enden – wir brauchen jetzt eine sanfte Politik und eine Gesellschaft der Empathie und Kooperation, die aber radikal verändert. Wir müssen unsere Art zu leben und zu wirtschaften revolutionieren, damit die Erde weiterhin bewohnbar für uns bleibt.

“Die Menschen zeigen, dass es so nicht mehr weitergehen kann”

Valerie Huber

oe24: Dein Buch heißt "Soft Revolution" – ist das nicht ein Widerspruch?

HUBER: Es muss kein Widerspruch sein. Wir leben in Zeiten von Krieg, Aufrüstung, Ausbeutung und wachsendem Faschismus – es ist absurd und treibt uns an die Grenzen unserer Existenz. Aber wir sehen langsam, dass es so nicht weitergehen kann, dass wir dringend eine neue Strategie brauchen. Wir müssen jetzt sanft agieren, aber trotzdem radikal verändern. Wir müssen zurückkehren zu moralischem Handeln, Empathie, Mitgefühl, Kooperation – all jenen Eigenschaften, die in unserer neoliberalen Gesellschaft lange als zu schwach oder zu weiblich abgetan wurden. Es geht um ein neues Bewusstsein und die Rückbesinnung auf und Verbindung mit der Natur, unseren Mitmenschen und unserer eigenen Menschlichkeit. Außerdem ist es eine Anspielung auf den Aufstand der Rotstrümpfe in Island 1975. Sie legten durch ihren Protest das ganze Land lahm und erzielten dadurch Frauenrechte und die erste weibliche Präsidentin. Mein Buch ist ein absoluter Aufruf zu Protest und Pazifismus.

oe24: Wie würde denn die Welt aussehen, wenn mehr Frauen in Machtpositionen wären?

HUBER: Die Welt wäre eine andere. Ein gutes Beispiel dafür ist Ruanda: Kein anderes Land der Welt hat einen so hohen Frauenanteil im Parlament – rund 64 Prozent der Abgeordneten sind Frauen. Ruanda hat sich in den letzten Jahrzehnten unfassbar entwickelt, es hat großes Wirtschaftswachstum, es ist sehr sauber – Plastik ist dort verboten –, Frauen können nun leichter Land erben, bekommen mehr Schutz vor Gewalt und Mädchen haben bessere Chancen auf Bildung. Wir könnten von matriarchalen Stämmen viel lernen. Dort stehen die Männer nämlich nicht unter den Frauen wie im Patriarchat – es herrscht viel mehr Gleichberechtigung. Es ist an der Zeit für mehr sanfte Attribute in unserer Politik und Gesellschaft: Care, Mitgefühl und Empathie.

“Gleichberechtigung werden wir nicht mehr erleben, das dauert noch einige Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte”

Valerie Huber

oe24: Werden wir die Gleichberechtigung noch erleben?

HUBER: Nein, Gleichberechtigung werden wir nicht mehr erleben, das dauert noch einige Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Wir müssen auch bedenken, dass wir hier in Österreich im Vergleich zur Welt wahnsinnig privilegierte Frauen sind. Ja, wir haben einen großen Pay-Gap und Pensions-Gap – das ist furchtbar. Aber schauen wir auf die Frauen in Afghanistan, die nicht auf die Straße dürfen, die nicht zur Schule gehen dürfen, nicht sprechen oder Auto fahren dürfen. Es ist unfassbar, dass es das heutzutage noch gibt. Es ist wichtig, an solche Orte zu denken, auch im Hinblick auf die Klimakrise – wer sind die wahren Verlierer dieser Krisen und Kriege? Österreich ist eine Insel der Seligen – auch wenn wir natürlich auch viele Probleme wie Armut und Obdachlosigkeit haben. Wir kämpfen diesen Kampf also nicht für uns, sondern besonders auch für all jene Menschen, die heute noch viel weniger Rechte und Privilegien haben als wir.

oe24: Was würde denn eine Bundeskanzlerin Valerie Huber morgen als Erstes verändern?

HUBER: Zwei Sachen: Ich würde eine Milliardärssteuer einführen, weil Ungleichheit der größte Feind der Demokratie ist. Wenn einzelne überreiche Menschen oder Tech-Oligarchen Einfluss auf das politische Geschehen und Wahlen haben, dann ist Demokratie eine Farce. Viele Leute haben heute leider Angst vor so einer Steuer, weil so viel Desinformation verbreitet wird: Sie glauben, ihnen wird etwas weggenommen. Dabei geht es nicht um das Haus der Oma, das man erbt. Es geht wahrscheinlich auch nicht um die fünf Wohnungen, die der Peter erbt. Es geht um Milliardenkonzerne und überreiche Menschen, die einfach nur fair besteuert werden müssten. Heute zahlen Milliardäre (26 %) weniger Steuern als eine Mittelschichtsfamilie (42 %). Ist das nicht unglaublich? Das ist nicht fair. Dieses Geld könnte für Bildung, Klima und wichtige soziale Projekte eingesetzt werden. Bei den Ärmsten wird immer weiter gespart, Sozialleistungen werden gekürzt, aber nach oben schauen wir natürlich nicht. Es ist unfassbar. Und das Zweite wäre ein solides, sozial gerechtes Klimaschutzgesetz. Ganz klar: den Ausbau von erneuerbaren Energien und grünen Jobs, die Landwirtschaft reformieren und Zugfahrten sofort billiger machen als Fliegen.

“Gutes Zeitmanagement ist da der Schlüssel”

Valerie Huber

oe24: Apropos Arbeit: Wie bringst du es unter einen Hut, als Autorin tätig zu sein, als Schauspielerin und Aktivistin?

HUBER: Ich liebe es, dass ich vieles parallel machen darf, jede einzelne Tätigkeit berührt mich anders. Die Abwechslung ist erfrischend und schön und dafür bin ich sehr dankbar. Aber damit ich alles unter einen Hut kriege, muss ich immer alle paar Wochen ein Projekt abschließen, dann das nächste. Es ist immer eine projektbezogene, phasenweise Arbeit. Jetzt ist dann wieder ein Dreh für zwei Monate, dann kann ich vielleicht wieder ein Buch schreiben, danach spiele ich Theater. Gutes Zeitmanagement ist da der Schlüssel.

oe24: Was würdest du Elon Musk sagen, wenn du ihn triffst? Glaubst du, man kann einen Menschen wie ihn noch im Inneren berühren?

HUBER: Das ist genau das Problem. Menschen wie Elon Musk oder Peter Thiel, die erreicht man nicht mehr. Die sind in einer anderen Lebensrealität. Die haben andere Werte. Ich glaube, jeder Mensch, der Werte oder Moral hat, kann nicht so agieren wie die beiden. Für mich ist unverständlich, wie Leute diese Menschen immer noch verherrlichen und dass er für viele Unternehmer das glänzende Vorbild ist. Es ist verrückt, was heutzutage gefeiert und hochgehalten wird. Tech-Giganten werden wie Popstars verherrlicht, wie moderne Götter. Darum muss man sich überlegen: Was ist mit uns als Bevölkerung schiefgelaufen, dass jemand, nur weil er viel Geld anhäufen kann (wir fragen nicht, wer dafür ausgebeutet wurde), eine göttliche Figur wird?

“Ein neues Bewusstsein, das ist der Beginn. Jeder kann was beitragen – jetzt ist die Zeit, zusammen aufzustehen, denn es geht nicht um viel – es geht um alles.”

Valerie Huber

oe24: Wenn du deinen Leserinnen etwas mitgeben könntest, was wäre es?

HUBER: Dass jetzt keine Zeit ist aufzugeben, sondern zusammenzukommen und gemeinsam aufzustehen. Wir sehen die Gen-Z-Proteste auf der ganzen Welt – die Menschen zeigen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Die meisten protestieren friedlich, weil ihnen die Zukunft gestohlen wird. Jeder kann bei sich anfangen: Was konsumiere ich, welche Konsequenzen hat mein Lebensstil, welche Partei wähle ich, wie kann ich mich wieder mehr mit meiner Menschlichkeit, meinem Umfeld und mit der Natur verbinden? Wie schaffe ich es aus dem Konsumwahn? Natürlich müssen die meiste großen Veränderungen und Maßnahmen auf EU- oder UN-Ebene geschehen. Wir können aber von unten Druck aufbauen. Ein neues Bewusstsein, das ist der Beginn. Jeder kann was beitragen – jetzt ist die Zeit, zusammen aufzustehen, denn es geht nicht um viel – es geht um alles.

oe24: Und wie geht deine Reise nun nach dem Buch weiter? Siehst du ein weiteres Buch am Horizont? (lacht)

HUBER: Jetzt habe ich erst mal Dreharbeiten, darauf freue ich mich sehr. Es ist eine internationale Koproduktion und spielt in den 1990er-Jahren in Berlin. Und nächstes Jahr spiele ich nach längerer Zeit mal wieder Theater, darauf freue ich mich auch, und ich beende meinen Master. Wie es mit den Büchern weitergeht, weiß ich nicht. Aber ja, eine Idee für ein drittes gäbe es tatsächlich schon … (lacht)

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