Im vergangenen Sommer setzte die ukrainische Armee Russland auch weit hinter der Frontlinie empfindlich zu. Gezielte Angriffe auf die russische Öl-Infrastruktur, Logistikknotenpunkte und Rechenzentren sowie Berichte über akute Treibstoffknappheit nährten im Westen die Erwartung, die russische Wirtschaft könnte ins Wanken geraten. Zuweilen geschaltete Sperren des mobilen Datennetzes aus Furcht vor Drohnenangriffen schürten zudem spürbaren Unmut in der Bevölkerung, wie unter anderem die Slawistin Daria Khrushcheva beobachtete.
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Māris Andžāns, Direktor des renommierten Thinktanks "Zentrum für Geopolitische Studien" im lettischen Riga, dämpft solche Erwartungen im Gespräch mit dem "Münchner Merkur" jedoch vehement. Wer auf einen baldigen Kollaps hoffe, wende falsche Maßstäbe an. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen blicken auf eine jahrzehntelange Besatzung durch die Sowjetunion zurück und beurteilten die Bedrohung aus Moskau bereits weit vor Westeuropa mit schonungslosem Realismus.
"Russland läuft weiter wie ein Zombie"
Der Experte vergleicht den Zustand der Atommacht mit einer unheimlichen Figur: Im Vergleich zu normalen Staaten agiere Russland wie ein Zombie – es müsste nach allen gängigen Kriterien längst tot sein, laufe aber dennoch unbeirrt weiter. Eine Treibstoffkrise würde westliche Regierungen sofort stürzen, in Moskau habe der Inlandsgeheimdienst FSB jedoch die totale Kontrolle über alle gesellschaftlichen Bereiche und ersticke jeglichen Unmut im Keim.
Auch das Szenario eines Putsches aus den eigenen Reihen schätzt der Experte nach dem gescheiterten Marsch des verstorbenen Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin auf Moskau als unwahrscheinlich ein:
- Söldner-Strukturen zerschlagen: Der Kreml hat private Militärunternehmen wie die Wagner-Gruppe nach Prigoschins Flugzeugabsturz aufgelöst oder direkt dem Verteidigungsministerium unterstellt.
- Sanktionen laufen ins Leere: Entgegen Theorien von Militärökonomen wie Marcus Keupp, die einen Zusammenbruch des Bankensystems vorhersagten, federt Moskau die Strafmaßnahmen wie der Iran oder Nordkorea ab.
- Achse Moskau-Peking: Über Partnerschaften mit China, dem Iran und Nordkorea stabilisiert Wladimir Putin seine Kriegswirtschaft nachhaltig.
- Nordkoreanische Truppen: Gemäß Putins Devise "Ein alter Freund ist besser als zwei neue" kämpfen inzwischen sogar nordkoreanische Soldaten auf europäischem Boden.
- Drohnen-Supermacht: Aus iranischen Shahed-Drohnen, einst als billige "fliegende Mopeds" belächelt, entwickelte Russland Turbojet-Geräte mit massiver Zerstörungskraft.
Gewaltige Verluste und extreme Schmerzgrenze
Zwar wiegen die Verluste für Moskau schwer: Mehr als eine Million Soldaten wurden bisher getötet oder verwundet, Hunderttausende Männer flüchteten vor der Einberufung ins Ausland. Dennoch sei die Situation historisch vergleichbar mit den düsteren Phasen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Anders als gewählte Politiker in Demokratien muss sich Putin für das Elend seines Volkes vor niemandem rechtfertigen, die kollektive und individuelle Schmerzgrenze in Russland sei ungleich höher.
Gleichzeitig agiere die Kreml-Führung extrem risikofreudig. Andžāns warnt davor, dass selbst eine Schwächephase Russland zu noch aggressiveren Schritten treiben könnte. Europa werde kontinuierlich getestet, selbst Szenarien wie die Besetzung einer strategisch wichtigen Ostseeinsel seien denkbar. Zudem bediene sich Moskau hybrider Kriegsführung in der Grauzone, wie der vereitelte Sabotageakt mittels Drohnen am deutschen Flughafen Leipzig/Halle verdeutlichte.
Droht der schwerste Kriegswinter für Kiew?
Auch bei den nuklearen Drohungen mahnt der Sicherheitsexperte zur nüchternen Differenzierung. Ein Einsatz strategischer Atomwaffen sei zwar fernab der Realität, Russland verfüge jedoch über taktische Gefechtsfeldwaffen sowie nachgewiesene Bestände an Chemiewaffen, die bei den Giftanschlägen auf Sergej Skripal und Alexej Nawalny dokumentiert wurden.
Besonders die geopolitische Gesamtlage begünstige Putins Siegesglaube derzeit massiv:
- Die Beziehungen zwischen Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump befinden sich auf einem Tiefpunkt.
- Die US-Behörden hielten zuletzt wichtige Geheimdienstdaten für Kiew zurück.
- Einschränkungen beim Satellitensystem Starlink von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX behindern die Verteidigung.
- Der Ukraine droht der Verlust von lebenswichtigen Frühwarnsystemen vor ballistischen Raketenangriffen.
Sollte dieser Ernstfall eintreten, stehe der Ukraine strategisch der härteste Winter des gesamten Krieges bevor. Die baltische Warnung an den Westen ist daher unmissverständlich: Europa muss die eigene Abwehr hochrüsten und Kiew dauerhaft stützen, denn auf ein baldiges Implodieren Russlands zu hoffen, ist eine gefährliche Illusion.
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