Artenvielfalt
Kann Arten sehen Arten schützen?
Die Nashörner Salma, Moana, Lewa und Wami waren am Dienstag (20. Oktober) vom Pariser Flughafen Charles de Gaulle nach Mexiko geflogen worden. Salma ist fünf Jahre alt, Moana neun, Lewa vier und Wami 15 Jahre. Die Tiere stammen aus Zoos in Frankreich und Deutschland. Die Nashörner seien monatelang auf die Reise vorbereitet und an die Abläufe gewöhnt worden. Ein aufwendiger Prozess und eine weite Reise, die für die Tiere auch Stress bedeuten können.
Nach ihrer Ankunft wurden die Nashörner in speziell für sie eingerichtete Quarantänebereiche gebracht. Dort sollen sie sich zunächst an ihre neue Umgebung gewöhnen, bevor sie der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Luis Soto Rendón, Direktor des Zoos von Guadalajara, erwähnt gegenüber Reuters das in Europas Zoos unpassende Klima für die Nashörner. "Ehrlich gesagt wird es ihnen hier deutlich besser gehen als im europäischen Klima. Die Umgebung, das Klima und die geografische Breite von Guadalajara sind definitiv ideal für sie."
Dass der Zoodirektor selbst die Haltung von Nashörnern in europäischen Zoos hinterfragt, ist besonders interessant. Tierschutzorganisationen kritisieren seit Langem, dass die Bedürfnisse von Wildtieren in Gefangenschaft oft nur eingeschränkt erfüllt werden können. Ein Beispiel sind Eisbären, deren natürlicher Lebensraum von arktischen Bedingungen geprägt ist. PETA forderte 2021, die Eisbärenhaltung im Tiergarten Schönbrunn einzustellen und die Tiere in nördlichere Einrichtungen abzugeben. Die Organisation verwies dabei auf mögliche Hitzebelastung und Verhaltensstörungen. Angesichts der extremen Temperaturen der letzten Sommermonate ist für viele nicht verständlich, wie für den Wiener Eisbären, der derzeit im Tiergarten Schönbrunn lebt, ein arktisches Klima geschaffen werden konnte. Auch VIER PFOTEN weist grundsätzlich darauf hin, dass sich die komplexen Bedürfnisse von Wildtieren in Zoos nicht immer ausreichend erfüllen lassen. Denn Tiergärten beherbergen häufig zahlreiche Arten mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen an Klima, Platzangebot und Lebensraumgestaltung: Während Eisbären an die arktische Umwelt angepasst sind, benötigen Giraffen andere klimatische Bedingungen, Bewegungsräume und Haltungsformen. Die zentrale Frage ist daher, inwieweit Zoos diesen unterschiedlichen Bedürfnissen tatsächlich gerecht werden können – und ob die Haltung in menschlicher Obhut überhaupt zum Artenschutz beiträgt.
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Doch warum wurden die vier Nashörner aus Zoos in Frankreich und Deutschland nach Mexiko transportiert?
Die Übersiedlung ist Teil des Ex-situ-Programms der Europäischen Vereinigung der Zoos und Aquarien. Dabei werden Tierarten außerhalb ihres natürlichen Lebensraums unter professioneller Betreuung erhalten und gezüchtet. Langfristig soll das Programm dazu beitragen, die Tiere wieder in ihren ursprünglichen Lebensraum zurückzubringen.
Der Zoodirektor hofft, dass es als Zeichen perfekter Anpassung an die neue Umgebung bald Nachwuchs bei den Nashörnern gibt.
"Das langfristige Ziel ist, dass wir irgendwann die Enkel dieser Nashörner in ihren natürlichen Lebensraum zurückbringen können. Sie könnten durch dieses Programm eines Tages die afrikanischen Graslandschaften wiederbesiedeln, in denen sie früher lebten und deren Bestände heute durch Wilderei und die Zerstörung ihres natürlichen Lebensraums zurückgegangen sind", sagte Soto Rendón.
Ob dies eines Tages möglich ist, bleibt offen.
Die Europäische Vereinigung der Zoos und Aquarien betreibt Zuchtprogramme für über 500 Tierarten. Sie sieht Auswilderungen als sinnvolle Artenschutzmaßnahme, jedoch nicht als automatisches Ziel jeder Zoogeburt. Tiergärten können bedrohte Arten schützen, wenn sie genetisch gesunde Reservepopulationen aufbauen, Arten nach ihrem Aussterben in der Natur wieder ansiedeln oder Projekte vor Ort unterstützen. Ob eine Auswilderung schließlich möglich ist, hängt jedoch auch vom zur Verfügung stehenden Lebensraum ab. Viele Arten sind bedroht, weil ihre Lebensräume zerstört werden oder sie durch Wilderei und Klimaveränderungen gefährdet sind. Eine Zucht im Zoo kann also nur dann zu einem effektiven und langfristigen Erhalt der Population beitragen, wenn der Klimawandel bekämpft und natürliche Lebensräume geschützt werden. Andernfalls kann es nur eine immerwährende Zucht unter menschlicher Obhut geben.
Internationale Natur- und Artenschutzorganisationen setzen häufig direkt bei den Ursachen des Artensterbens an: der Zerstörung natürlicher Lebensräume, Wilderei, illegalem Wildtierhandel und den Folgen des Klimawandels. Ihr Ansatz unterscheidet sich damit von der reinen Zucht bedrohter Arten in Zoos: Ziel ist nicht nur, einzelne Tiere zu züchten, sondern wildlebende Populationen in funktionierenden Ökosystemen langfristig zu sichern. Die International Union for Conservation of Nature entwickelt dafür wissenschaftliche Standards und unterstützt Schutzmaßnahmen.
Wilderness International beispielsweise schützt Regenwälder. Insbesondere in der Region Madre de Dios kauft die Organisation Regenwaldflächen und lässt die Eigentumsrechte im Grundbuch eintragen. Die Flächen dürfen nicht weiterverkauft werden und sollen dauerhaft unberührt bleiben. Lokale Waldhüter:innen kontrollieren die Gebiete, während Forschungsprojekte die Artenvielfalt dokumentieren.
WWF setzt sich unter anderem für den Schutz und die Wiederherstellung von Lebensräumen sowie gegen Wilderei ein. Besonders bekannt ist der WWF für seinen Einsatz zugunsten des Tigers in Indien und Nepal. Im Gebiet des Chitwan-Parsa-Valmiki-Schutzgebietskomplexes stieg die erfasste Tigerpopulation innerhalb von zehn Jahren von 127 auf 217 Tiere.
Greenpeace hingegen ist besonders für seinen Einsatz zum Schutz von Walen bekannt. Aktivist:innen stellten sich ab den 1970er-Jahren mit Schlauchbooten zwischen Walfänger und Wale. Die Kampagne trug zum internationalen Druck bei. 1982 beschloss die Internationale Walfangkommission ein Moratorium für den kommerziellen Walfang. Es schränkte den kommerziellen Walfang weltweit stark ein und ermöglichte mehreren Walpopulationen, sich zu erholen.
Die Borneo Orangutan Survival Foundation, über die wir bereits vor einigen Wochen berichtet haben, setzt sich speziell für Orang-Utans auf Borneo ein. Verwaiste Orang-Utan-Kinder werden jeden Morgen mit Schubkarren in die Dschungelschule gebracht, wo sie auf eine spätere Auswilderung vorbereitet werden. Für die Kleinsten gibt es die Nursery Group. Sie brauchen zunächst Nähe und Liebe. Da sie keine Mütter mehr haben, übernehmen Pflegerinnen diese Aufgabe. Danach folgt der Schulunterricht in Level 1, 2 und 3. Für die älteren, selbstständigen Tiere gibt es schließlich die Jungle University. Bei erfolgreichem Abschluss werden sie in geschützte Regenwaldgebiete ausgewildert.
Eine Organisation, die sich gezielt für den Schutz von Eisbären einsetzt, ist Polar Bears International. Sie engagiert sich für den Erhalt der Eisbären und ihres arktischen Lebensraums. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Erforschung der Tiere und den Auswirkungen des Klimawandels. Da durch die Erderwärmung das Meereis schmilzt, verlieren Eisbären wichtige Jagdgebiete und werden bei der Nahrungssuche zunehmend eingeschränkt. Die Organisation unterstützt deshalb wissenschaftliche Forschungsprojekte, informiert über die Bedrohung der Eisbären und setzt sich für Klimaschutzmaßnahmen ein.
Die International Rhino Foundation unterstützt Schutzprojekte für Nashörner in Afrika und Asien. Die Organisation arbeitet mit lokalen Partnern zusammen, um Nashörner vor Wilderei zu schützen, ihre Bestände wissenschaftlich zu überwachen und ihre natürlichen Lebensräume zu erhalten. Außerdem unterstützt sie Maßnahmen, die langfristig stabile Nashornpopulationen in freier Wildbahn sichern sollen.
Jede dieser Organisationen spezialisiert sich auf ein bestimmtes Gebiet oder eine bestimmte Art. Während Zoos oft Zuchtprojekte im Fokus haben, arbeiten Umwelt-, Tier- und Artenschutzorganisationen an den jeweiligen Ursachen. Dabei wird immer die Frage behandelt, warum eine bestimmte Art überhaupt zurückgeht und wodurch sie bedroht ist. Dann gilt es, die Ursachen zu bekämpfen: Lebensräume zu schützen sowie Wilderei und Klimawandel zu bekämpfen.
Zuchtprojekte von Zoos sind sinnvoll – jedoch nur, wenn Auswilderungen angestrebt werden und am Ende des Programms auch ein Lebensraum besteht, in dem die Tiere wieder eigenständig leben können. Tierschutzorganisationen fordern daher immer wieder, mehr in den Erhalt der Umwelt als in Zuchtprojekte zu investieren.
Wie wird der Tiergarten Schönbrunn eigentlich finanziert?
Der Tiergarten Schönbrunn steht zu 100 Prozent im Eigentum der Republik Österreich. 2021 erhielt der Zoo zwar coronabedingt rund 4 Millionen Euro, finanziert seinen laufenden Betrieb und seine Bauprojekte aber mittlerweile selbst. Laut dem Geschäftsbericht für 2025 erhielt der Zoo in den vergangenen Jahren keine öffentlichen Zuschüsse mehr. Rund 960.000 Euro zahlte der Tiergarten 2025 für die Nutzung des Areals an die Republik Österreich. Im selben Jahr verzeichnete er einen Gewinn von rund 3.700.000 Euro.
Während der Tiergarten Schönbrunn dank hoher Besuchereinnahmen wirtschaftlich erfolgreich ist, sind viele unabhängige Artenschutzorganisationen auf Spenden angewiesen, um bedrohte Tierarten vor Wilderei und Lebensraumverlust zu bewahren. Wer den Erhalt der Artenvielfalt auch dort unterstützen möchte, wo sie frei leben, kann mit einer Spende an solche Organisationen Arten schützen.
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