Kampf gegen Corona
Ludwig: "Maßnahmen im Herbst leider wieder nötig"
ÖSTERREICH: Warum haben Sie die Testgültigkeit in Wien verkürzt?
Michael Ludwig: Ich hatte bereits vor dem Sommer darauf hingewiesen, dass es ein schwieriger Herbst wird, wenn wir nicht strenge Kriterien durchziehen. Leider fühle ich mich bestätigt. Die Zahlen steigen sehr stark, auch jene in den Spitälern. Ich war immer für eine vorsichtigere Haltung als Hühott-Politik. Den Menschen zu erklären, dass die Pandemie überwunden oder für Geimpfte vorbei sei, war falsch. Ich will alles tun, um einen neuerlichen Lockdown zu vermeiden. Daher wird es notwendig sein, die Bevölkerung an Maßnahmen zu gewöhnen, die im Herbst leider wieder notwendig sein werden.
ÖSTERREICH: Sie haben jetzt auf Bundeskanzler Kurz angespielt?
Ludwig: Das Einzige, das mich erstaunt, ist, dass die Mitglieder der Bundesregierung erstaunt sind. Es war schon vor dem Sommer erkennbar, dass mit dem Herbst eine schwierige Situation auf uns zukommt. Es wäre vernünftiger gewesen, die Menschen darauf vorzubereiten. Denn sonst löst man fortwährend Irritationen aus und schädigt auch Arbeitsmarkt und Wirtschaft, weil man so wieder international auf roten Listen landet, wie es jetzt schon teilweise passiert.
ÖSTERREICH: Sie meinen, die Regierung wiederhole die Fehler vom letzten Sommer?
Ludwig: Es hat mich gewundert, dass man nicht andere Konsequenzen aus dem Vorjahr abgeleitet hat. Es war klar, dass vor allem Ungeimpfte das Virus weiterverbreiten und wir leider noch nicht eine Impfquote haben, die uns in eine günstigere Lage versetzen könnte. Wir sind im Vergleich zu den westlichen EU-Staaten Schlusslicht statt vorne dabei. 80 Prozent der Covid-Spitalspatienten sind ungeimpft.
ÖSTERREICH: Daher empfiehlt etwa der Infektiologe Kollaritsch die 1,5-G-(Geimpft-Genesen)-Regel für Bereiche mit besonderer Ansteckungsgefahr. Sie sind da skeptisch …
Ludwig: Aus virologischer Sicht wäre es vernünftig. Als Politiker muss ich aber die Akzeptanz von Maßnahmen im Auge haben. Meine größte Sorge wäre, dass wir dann den Überblick über das Infektionsgeschehen verlieren würden, weil sich viel in den privaten Feierbereich verlagern könnte.
ÖSTERREICH: Können Sie einen Lockdown im Herbst ausschließen?
Ludwig: Ausschließen, kann ich es nicht. Aber ich werde alles daransetzen, einen Lockdown zu verhindern. Das ist wirklich die allerletzte Notbremse, die aber schwerwiegende Auswirkungen hat. Daher gehen wir in Wien auch immer mutig voran, auch wenn das nicht immer populär ist. Aber wir können als Bundeshauptstadt nicht ganz im luftleeren Raum agieren.
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